Anke von Heyl, Kunsthistorikerin

 

Ausstellungseröffnung  Andréa Bryan

 

Semba

 

Dialograum Kreuzung an Sankt Helena 26.9 2014

 

Einleitung

 

Wir sind die Summe unserer Erfahrungen! Folgen wir dieser Erkenntnis, so führt uns das zum komplexen Begriff der Identität. Unzählige Bücher sind geschrieben worden, um uns zu erklären, was den Menschen in seiner Gesamtheit ausmacht. Und manchmal reichen Worte nicht aus, dies alles erschöpfend zu erklären. Hierin liegt eine wundervolle Herausforderung für die Kunst, denn sie ist ein perfektes Vehikel um komplexe Begriffe deutlich und nachvollziehbar zu machen.

Andréa Bryan hat in ihrer ortsbezogenen Installation „Semba“ ein ganz eigenes System entwickelt, mit welchem sie Identitätsfragen verschiedener Art nachgeht. Da steht zum einen die Identität einer Brasilianerin im Fokus, die seit Mitte der 80er Jahre in Deutschland lebt und arbeitet. Es steht aber auch ihre Identität als Frau und Künstlerin zur Debatte, der sich Bryan bereits in früheren performativen Ansätzen widmet.

Andréa Bryan wurde 1966 in Sao Paulo geboren, wo sie später Philosophie studierte. Mit ihrer Übersiedelung nach Deutschland begann in den frühen 90er Jahren ihre künstlerische Laufbahn. Heute stellt sie weltweit aus und arbeitet in unterschiedlichen Genres, wobei Objekte und Installationen einen besonderen Schwerpunkt ihrer Arbeit ausmachen. Sehr erfolgreich ist sie auch als Druckgraphikerin – ich sehe in ihr eine Meisterin des modernen Holzschnittes.

Die Arbeit, die sie für den Kunstraum Kreuzung an Sankt Helena konzipiert hat, ist eine Verbindung unterschiedlicher Werke zu einem spannenden ortsbezogenen Gesamtkunstwerk.

 

Geheimnis

 

In diesem besonderen Raum kreiert Andréa Bryan mit „Semba“ ein Vorstellungsbild, das den Betrachter einlädt, sich auf verschiedene Assoziationsstränge einzulassen. Hier berühren wir den Bereich des Imaginären. Wir nähern uns dem Kern der Installation – einem überdimensionalen milchig-weißen Kubus, der in den Raum hineingebaut wurde. Und offensichtlich etwas verbirgt. Wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir unter der Projektion des Videos einen hellen Block. Es ist der ehemalige Altar, der zur ursprünglichen Kircheneinrichtung gehört. Er ist hier jedoch nicht Thema, sondern eher in seiner reinen Objekthaftigkeit interessant, die sich hinter dem opaken Material der Verkleidung erst auf den zweiten Blick erkennen lässt. Die Verhüllung ist spannend! Das Objekt ist da, aber nicht erreichbar! Die Künstlerin bezieht sich hier auf die Konstruktion des berühmten Objet petit a – ein Modell des Psychoanalytikers Jaques Lacan. Dieser beschrieb damit – verkürzt gesagt – die Prinzip des Begehrens als Motor allen individuellen Handelns. In der Konstruktion dieses Denkmodells geht es auch um das Prinzip des Mangels. Nun müssen wir uns nicht zwingend auf psychoanalytische Tiefen einlassen, um die Idee Andréa Bryans zu verfolgen. Verlassen wir uns eher auf die Dinge, die wir hier konkret sehen. Dann erkennen wir vielleicht, dass neben dem Prinzip der Sehnsucht und das Konstrukt einer eigenen Welt steht.

 

Materialien

 

Der zentrale Kubus wirkt zwar edel und geheimnisvoll, ist jedoch aus ganz simplen Materialien erbaut. Die Künstlerin verwendet Dachlatten und handelsübliche Plastikplane und erinnert damit an die Art und Weise, wie auch in den Favelas gebaut wird – den informellen Siedlungen in ihrer Heimat. Das Motiv der Favela taucht in mehreren Arbeiten der Künstlerin auf und die „armen“ Materialien erzählen in ihren Werken intensive Geschichten. Mit einer besonderen Patina oder Haptik versehen, befeuern sie die Assoziationen. Kommt dann die Vorstellungskraft der Betrachter hinzu, dann entsteht daraus ein System von Gedankensträngen, Assoziationsketten und Emotionen. Der Rezipient ist es auch hier in der Kreuzung an Sankt Helena, der aus den unterschiedlichen Teilen der Installation ein Ganzes erbaut. Dies gelingt umso perfekter, je mehr Sinne angesprochen werden. Von der Haptik haben wir schon gehört. Die Augen werden durch Objekte, Materialbeschaffenheit und einem Video beschäftigt, zu dem wir später noch kommen. Andréa Bryan verwendet in „Semba“ dieses Mal auch eine spezielle Sound-Installation, die in verschiedener Weise auf die Wahrnehmung einwirkt.

 

Sound

 

Gemeinsam mit dem Künstler Stefan Zöllner wurde eine regelrechte Dramaturgie für die Töne entwickelt. Die Sound-Kunst besteht aus mehreren Teilen, welche in einer bestimmten Reihenfolge zu einem assoziativen Gebilde miteinander verbunden wurden. In ihm taucht sehr dominant ein Windrauschen auf. Der Wind steht hier stellvertretend für die existenzielle Grundsituation der Menschheit auf. Er pfeift und bauscht sich fast zu einem Sturm auf. Das wirkt irgendwie dramatisch und nimmt den Zuhörer emotional mit. Gleichzeitig entsteht etwas nahezu Meditatives. Dazu werden typische Radio-Frequenz-Töne als ein wiederkehrendes Störmoment gemischt. Es stellt aus dem gleichförmigen Windsound von Zeit zu Zeit einen kurzen Moment des Bewusstwerdens her. Dazwischen hört man die Stimme eines älteren Mannes, der in einem Interview von seinen Anfängen als Samba-Musiker erzählt. Er berichtet beispielsweise an einer Stelle, wie er einmal wie zufällig beim Kicken einer einfachen Blechdose unbewusst einen bestimmten Rhythmus entwickelt hat. Da finden wir das Motiv der einfachen Materialien wieder. Samba ist auch und vor allem die Musik der Armen, der Menschen, die in den Favelas wohnen und die sich damit ihre ganz eigene Welt schaffen. Und wie melancholische kleine Fetzen, erklingt auch immer wieder eine typische Melodie in der Sound-Collage, die einen mitnimmt auf die Assoziationsreise.

 

Tanz

 

Der Samba de Roda wurde 2005 als Weltkulturerbe anerkannt und ist abseits des Karneval-Trubels vor allem das afrikanische Erbe der ersten Zuckerrohr- und Tabakplantagen-Arbeiter. Sein Ursprung ist in tranceähnlichen Heiltanz-Zuständen zu sehen, die einen religiösen Hintergrund haben. Durch die Tanz-Meditation sollen bewusstseinserweiternde Erfahrungen erlebt werden. Damit gehen hohe Emotionalisierungen einher, die nicht nur der Tänzer selbst, sondern auch die Zuschauer erfahren. Als Ergebnis dieser Trance-Zustände sind dann durch eine Art Katharsis alle schlechten Gefühle verschwunden.

Schauen wir der Künstlerin zu, wie sie sich in einem ganz eigenen Rhythmus um die eigene Achse dreht, so fühlen wir uns schnell zu dieser Vorstellung tranceartiger Zustände hingezogen. Das blau-weiße Sommerkleid, das sie dabei trägt, scheint eine perfekte Illustration für das Windrauschen – und man meint fast ein wogendes Meer zu sehen.

Wie in anderen Videos vorher ist die Künstlerin hier auch Protagonistin einer Performance, in welcher die körperliche Präsenz eine Rolle spielt. In gewisser Weise steht Andréa Bryan damit auch in der Tradition zeitgenössischer feministischer Kunst. In dem Motiv des sich um die eigene Achse Drehens darf man auch eine Art Selbstreflexion erkennen. Und es kommen einem Fragen nach Rollenbild und Positionierung in der Gesellschaft in den Kopf.

 

Raum

 

Wir betreten einen Raum, der für „Semba“ von Andréa Bryan in einen besonderen Erfahrungsraum verwandelt wurde. Es handelt sich sozusagen um eine begehbare Installation. Das eingebaute Objekt, die Videoprojektion und die Soundinstallation entfalten ihre Wirkung auf den Betrachter durch eine spezielle Inszenierung, in der der Blick durch nichts abgelenkt wird. Fast scheint es, als betrete man tatsächlich ein Gedankengebäude, das es zu durchschreiten gilt. „Der Dialograum der "Kreuzung an Sankt Helena" ist ein besonderer Veranstaltungsraum für ungewöhnliche Veranstaltungen“, so schreiben die Veranstalter. Dies verstehe ich als Anregung, sich neuen Erfahrungen zu öffnen, neue Weltsichten kennenzulernen und darüber in den Austausch zu treten. Mit der Installation „Semba“ bietet die Künstlerin Andréa Bryan jede Menge Seh-Erlebnisse. In drei zusätzlichen Veranstaltungen hat sie befreundete Musiker und Tänzerinnen gebeten, zusätzliche Interpretationen zu liefern und so wird sich die Idee des Dialoges weiter zu entwickeln.